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Abb.: Ronny Rau

Humboldt-Universität zu Berlin - Lebenswissenschaftliche Fakultät - Ökonomik ländlicher Genossenschaften

Performance

Im Bereich Performance (Preis/Kostenniveau) geht es um ein modernes Verständnis des genossenschaftlichen Leistungsbegriffs. Es wird unterstellt, dass Genossenschaften mittelbar ihre Mitglieder durch Preis-/Kostenvorteile, Risikominderung oder durch die Bereitstellung spezifischer Dienstleistungen binden. Um diese Hypothese näher zu untersuchen, standen bislang die Messung der monetären Wirkungen, die von genossenschaftlicher Kooperation ausgehen, bzw. die Messung bestimmter Kennzahlen der Genossenschaften selbst im Vordergrund von Leistungsbetrachtungen. Häufig verwendete Kennziffern lieferten beispielsweise realisierbare Margenunterschiede für Mitglieder, die Höhe der Erzeugerpreise, die Eigenkapitalrendite in der Genossenschaft, das Umsatzwachstum oder die Umsatzrendite [1].

Da hierbei innerhalb der Datengrundlage nach Genossenschaften und Kapitalgesellschaften bzw. nach Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern unterschieden werden muss, richten sich die Untersuchungsmethoden und Modellansätze nach der Datenverfügbarkeit im jeweiligen Projekt und reichen von Mitgliederbefragungen in Fallstudien bis hin zur Modellbildung und ökonometrischen Analyse von regionalisierten Paneldaten und Preisreihen [2]. Zur Ausweitung des Performance-Begriffs kann weiter angenommen werden, dass Mitglieder, die in erster Linie den Erfolg des eigenen landwirtschaftlichen Betriebs im Auge haben werden, durch ihre Mitgliedschaft bestimmte Präferenzen für Beteiligungs- und Abstimmungsprozesse sowie die Koordination des Absatzes am Markt und die Absicherung einer Transport- oder Abnahmegarantie erfüllt sehen möchten [3]. Gleichzeitig nimmt die Abhängigkeit vom eigenen Verarbeitungsunternehmen auch mit zunehmenden Qualitätserfordernissen und der Einhaltung von Markenstrategien gegenüber der Konzentration im Einzelhandel zu.

Mitgliederpräferenzen werden sich im Zuge von Politikänderungen und Änderungen am Markt im Agrar- und Ernährungssektor auch anpassen. Vor diesem Hintergrund wird unterstellt, dass Produzenten mit ihrer Mitgliedschaft auch Präferenzen für Entscheidungs- und Mitbestimmungsprozesse, beispielsweise über Verarbeitungsstandorte, Sammelrouten bzw. einzelne Vertragsinhalte wie z.B. Abnahmegarantien oder Vertragslängen entwickeln. Gleichzeitig gewinnen für das Mitglied auch Informationen über den Markt selbst und darüber, wie sich andere Marktteilnehmer verhalten oder entwickeln und welche Risiken für den eigenen Betrieb hierbei zu kalkulieren sind, an Bedeutung. Dabei stehen auch Informationen über die Marktstrategie der eigenen Genossenschaft im Vordergrund. Ein Produzent oder eine Produzentin ist mit der Leistung der Genossenschaft dann zufrieden, wenn nicht nur Preis- und Kostenvorteile bestehen, sondern sich das Mitglied auch mit der Unternehmensstrategie der Genossenschaft identifizieren. Um zu verstehen, wodurch moderne Genossenschaften oder Unternehmen an denen sich Genossenschaften beteiligen ihre Mitgliedereigentümer binden, müssen bestehende Ansätze der Leistungsbeurteilung von Genossenschaften methodisch entsprechend erweitert werden.

Für die Messung der Performance eines Dienstleistungsunternehmens eignen sich z.B. Choice-Experimente [4], um Aussagen über genossenschaftliche Dienstleistungen treffen zu können. Hierbei kann sowohl generell der „Marke Genossenschaft“ als auch der Überprüfung der Wertschätzung für einzelne typisch genossenschaftliche Attribute eine Bedeutung zukommen: Genossenschaftsmitglieder oder -kunden können in der Befragung ihre Wertschätzung für die Genossenschaft als „Marke“ beispielsweise im Vergleich zu einem nicht-genossenschaftlichen Dienstleister ausdrücken. Genauso ist es möglich, einzelne Attribute wie z.B. die Mitbestimmung bei der Servicequalität, die Lieferung von Marktinformationen, Risikobetrachtungen und einzelne Haftungsregelungen, die Absicherbarkeit bestimmter Preisrisiken beispielswiese durch Rückvergütung oder Pooling, oder die Einhaltung bestimmter Lieferrechte, die regionale Verankerung oder die Gleichbehandlung als Kriterien für die Leistungsbeurteilung genossenschaftlicher Unternehmen hinzuzuziehen.

Im gegenwärtigen Wandel ist zu erwarten, dass die Vorstellungen, die Genossenschaftsmitglieder von der Leistung ihrer Genossenschaft haben, sich verändern und dabei andere Attribute der Dienstleistung wichtig werden, als dies noch vor wenigen Jahren der Fall war. Deshalb können Forschungsergebnisse zur Beurteilung der Leistungen von Genossenschaften nicht nur Kennzahlen, sondern auch sich ändernde Werturteile und Präferenzen der Genossenschaftsmitglieder selbst beschreiben und dadurch wichtige Orientierungspunkte für die Weiterentwicklung ländlicher Genossenschaften bereitstellen. Die Relevanz solcher Ergebnisse für die Strategieentwicklung des Genossenschaftsmanagements und von Verbänden, aber insbesondere auch für die Gestaltung von Agrarpolitik liegt auf der Hand.



[1]    Vgl. beispielsweise LeVay (1983); Schrader et al. (1985); Henehan & Pelsue Jr. (1986); Parliament et al. (1990); Fulton & King (1993); King et al. (1997); Pritchett & Hine (2007), Harte & Connor (2007).

[2]    Neben eigenen Erhebungen soll hierzu insbesondere auf die weiterzuführende ökonometrische Auswertung von Datenerhebungen aus dem Jahr 2011 in 27 EU-Ländern des EU-Tender-Projekts und von Datenbanken aus Faostat, Eurostat-Amadeus, AMI, Agrarberichte, Situationsberichte, EMB, Genossenschaftsverbänden etc. zurückgegriffen werden (vgl. z.B. www.faostat.fao.org; www.ec.europa.eu/eurostat; www.eui.eu; www.bmelv-statistik.de).

[3]    Vgl. Schlecht et al. (2013).

[4]    „Choice Experiments“ sind umfragebasierte, theoriegeleitete Methoden, die angewandt werden, um Nachfragefunktionen abzuleiten, die ihrerseits bestimmte Produkt- oder Dienstleistungseigenschaften beschreiben, für die Preise nicht ohne weiteres am Markt beobachtet werden (Müller et al. 2012, 5). Die Befragten artikulieren ihre Präferenz hierfür als „Stated Preferences“. Genossenschaftsmitglieder können so z.B. ausdrücken, ob ihnen ihre Genossenschaft als „Firmenlabel“ oder eher als Teil des Organisationsprozesses für ihre Markttransaktion wichtiger ist. Vor dem Hintergrund beispielsweise des Quotenausstiegs im Milchsektor bietet es sich an, Mitglieder nach ihren Präferenzen für bestimmte Vertragsinhalte, Lieferrechte oder Andienungspflichten zu befragen, um Aufschluss über genossenschaftliche Leistungsbegriffe und Leistungszufriedenheit zu erlangen. Aus Sicht des Mitglieds hat eine Genossenschaft nicht nur dann Erfolg, wenn sie sich am Markt behauptet sondern insbesondere auch „Erfolg“, wenn sie solche Präferenzen nicht enttäuscht.