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Abb.: Ronny Rau

Humboldt-Universität zu Berlin - Lebenswissenschaftliche Fakultät - Ökonomik ländlicher Genossenschaften

Marktstruktur

Im Bereich Marktstruktur (Position) wird unterstellt, dass durch fortwährende Konzentration im Agrar- und Ernährungssektor die Produzenten tendenziell zunehmender Marktmacht seitens der Verarbeitungsindustrie und des Einzelhandels ausgesetzt sind [1]. Befinden sich nachgelagerten Industrien (z.B. die Verarbeitung) nicht in Produzentenhand, führt das Profitmaximierungsziel in den tendenziell immer größer werdenden, der Agrarproduktion nachgelagerten Kapitalgesellschaften zu wachsender Marktmacht der Verarbeitungsindustrie oder des Einzelhandels und damit zu relativ geringen Erzeugerpreisen [2]. Da dies den Erzeugern bekannt ist, sind sie ihrerseits bestrebt, starke Unternehmenspositionen mittels Wachstumsstrategien zu erlangen. Verfügen die genossenschaftlichen Verarbeitungsbetriebe oder Händler über genügenden Markteinfluss, ist davon auszugehen, dass die Mitgliederinteressen das eigene Management und damit den Erzeugerpreis in der Weise beeinflussen, dass mit Wettbewerbspreisen vergleichbare Erzeugerpreise erreicht werden. Eine Genossenschaft, die ihren Mitgliedern einen Preisvorteil bietet und eine traditionell offene Mitgliederstruktur aufweist, wird unter diesen Bedingungen wachsen und bald eine immer bessere Marktposition und damit zumindest im Einzugsgebiet eine, die Preise beeinflussende Wirkung auf ihre kapitalgesellschaftlichen Konkurrenten haben, die ihrerseits höhere Preise anbieten müssen, um ihre Kapazitäten auszulasten.

Wegen der Komplexität der Preisbildung und des Marktgeschehens und den bereits vorherrschenden Größenordnungen der Unternehmen sind solche Thesen durch einfache regionale Preisvergleiche zwischen Konkurrenten nicht überprüfbar. Dies führt dazu, dass solche Wirkungen von Genossenschaften unerkannt bleiben. Sie müssen vielmehr anhand von Preisreihen mit Hilfe von Preisbildungsmodellen analysiert werden [3]. Ihre Überprüfung ist wichtig, weil sich unter Umständen hieraus für die Genossenschaftsmitglieder, aber auch für Politik und Gesellschaft wichtige Schlussfolgerungen für die Funktion der modernen Genossenschaften im Agrar- und Ernährungssektor ableiten lassen: Nach der hierbei zugrunde gelegten Theorie erfüllen Genossenschaften und ihre Verbundorganisationen, sofern sie von ihren Mitgliedern wirkungsvoll kontrolliert werden und – wie in Deutschland der Fall – einen hohen Marktanteil innehaben, eine wichtige Funktion im Verlauf der immer stärker werdenden Konzentration der Marktteilnehmer im Agrar- und Ernährungssektor. Halten sie eine starke Marktposition, so haben sie das Potenzial für ein vergleichsweise stabiles und hohes Erzeugerpreiseniveau in einem Markt zu sorgen.

Um diese als Yardstick- oder Pacemaker-These [4] bekannt gewordene Theorie genauer zu überprüfen, müssen Preisentwicklungen auf räumlich abgrenzbaren Märkten hinsichtlich der Effekte, die auf das Vorhandensein von Genossenschaften zurückzuführen sind, untersucht werden. Dies kann mit Preismodellen auf unterschiedlichen Abgrenzungsebenen, z.B. kommunal, regional, national, EU-weit, erfolgen. Auch Produktattribute wie Transportkosten, Frische oder Qualität müssen in ihren Wirkungen auf den Preis entsprechend modelliert werden, um genossenschaftliche Effekte besser abzubilden [5]. Von besonderem Interesse dürfte dabei die Frage sein, wie sich verschiedene Sektoren z.B. in den EU-Mitgliedsstaaten oder einzelnen Regionen hinsichtlich Marktintegration, der genossenschaftlichen Bearbeitung des Marktes und der Erzeugerpreisniveaus unterscheiden. Dort wo sich Zusammenhänge zwischen Erzeugerpreisniveau, Konzentrationsmaßen und genossenschaftlichem Organisationsgrad aufdecken lassen, wären entsprechende Schlussfolgerungen für die Gestaltung der zukünftigen Agrarpolitik und der Wettbewerbspolitik unter Berücksichtigung bekannter Politikziele wie gleichgewichtige Märkte, nachhaltige Produktionsstrukturen und faire Erzeugerpreise innerhalb der EU zu ziehen.



[1]    Vgl. Clarke et al. (2002).

[2]    Hierbei müssen selbstverständlich die Preiselastizitäten des Angebots und die Auslastung der Kapazitäten der Verarbeitungsindustrie einbezogen werden.

[3]    Vgl. Hanisch et al. (2012).

[4]    Vgl. LeVay (1983); Cotteril (1987); Hanisch et al. (2012).

[5]    Vgl. Cazzuffi (2012), Hanisch et. al (2012).