Ernst Mangold
Ernst Mangold
5.2.1879 - 10.7.1961Von Rita Rindermann
Seit mehr als zehntausend Jahren werden von den Menschen Haustiere gehalten, doch noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts basierte ihre Fütterung vor allem auf Erfahrungswerten. Es ist das Verdienst des Berliner Wissenschaftlers Ernst Mangold, zur Herausbildung einer wissenschaftlich fundierten Tierphysiologie und Ernährungslehre der landwirtschaftlichen Nutztiere wesentlich beigetragen zu haben. Er hat letztlich der wissenschaftlich begründeten Tierernährung zum Durchbruch verholfen. Sichtbarer Ausdruck dafür sind u. a. die während seiner über fünfzigjährigen intensiven und erfolgreichen Forschertätigkeit neu eingerichteten Lehrstühle für die Fachdisziplin "Tierernährungslehre" an neun deutschen Universitäten sowie die gesonderten Abteilungen für Tierernährung in den Zentralinstituten für Tierzucht (z. B. Dummerstorf).
Ernst Mangold wurde am 5. Februar 1879 in der Familie eines Berliner Gymnasialprofessors geboren. Von 1888 bis 1897 besuchte er das Askanische Gymnasium in Berlin und studierte anschließend an verschiedenen deutschen Universitäten Medizin und Naturwissenschaften. Nach kürzeren Aufenthalten in Jena, Leipzig und Gießen entschied sich Mangold 1899 endgültig für das Studium an der Jenenser Universität. Wahrscheinlich hat der große Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919), der zu dieser Zeit in Jena wirkte, die größte Anziehung auf den jungen Studenten ausgeübt.
Nach beendetem Medizinstudium wurde Mangold im Jahre 1902 Assistent an der Jenenser Universitäts-Ohrenklinik. Damit bot sich dem begeisterten Schüler Haeckels die Möglichkeit, seine naturwissenschaftlichen Studien fortzusetzen und gleichzeitig die ärztliche Approbation zu erreichen. Diese wurde ihm am 21. März 1903 von der Medizinischen Fakultät erteilt.
Das wissenschaftliche Interesse des jungen Mangold galt innerhalb der Medizin besonders der Physiologie. Am Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn standen Fragen der Sinnes-, Nerven-, Herz- und Muskelphysiologie im Vordergrund seiner Forschungsarbeiten. Als Mangold studierte, war die Funktionsweise der Sinnesorgane, des Nervensystems und der Muskeln anatomisch weitestgehend geklärt. Die wichtigsten Vorgänge im Nervensystem des Menschen und verschiedener Tierarten waren durch Beobachtungen ermittelt worden. Erste bedeutende Erkenntnisse über die Funktion der Nerven bei der Muskeltätigkeit und über die Aufnahme von Signalen durch die Sinnesorgane waren im 19. Jahrhundert gewonnen worden. Eine neue Ära wurde durch den Physiologen Iwan Petrowitsch Pawlow (1849-1936) 1897 in Petersburg eingeleitet. Seine Untersuchungen über den nervalen Einfluß auf die Verdauungsprozesse im Magen überwanden die Forschungsmethode des 19. Jahrhunderts der separaten Untersuchung von separaten Funktionen. Er analysierte die Lebensprozesse bei Tieren in ihrer höchst komplexen Wechselbeziehung zwischen dem gesamten Organismus und den von Magen, Mund, Nase und Augen ausgehenden Reizen. Seine Entdeckungen über die Beziehungen zwischen der Großhirnrinde und der unwillkürlichen Speichelsekretion und die an seinen klassischen Tierversuchen entwickelte Theorie der bedingten Reflexe haben weitere Untersuchungen im 20. Jahrhundert auch in bezug auf andere Körperfunktionen angeregt. Ernst Mangold gelangte wahrscheinlich über das Lehrfach "Allgemeine Zoologie", das sich vorwiegend mit der Tierphysiologie beschäftigte, zu ähnlichen physiologischen Fragestellungen. Höhepunkt in seiner überaus erfolgreichen wissenschaftlichen Arbeit auf diesem Gebiet war die persönliche Begegnung mit dem Nobelpreisträger l. P. Pawlow im Jahre 1927 in Berlin. Beide konnten damals viele, sie gemeinsam bewegende wissenschaftliche Probleme ausgiebig diskutieren.
Erste Ergebnisse seiner physiologischen Forschungsarbeiten faßte Mangold in der Dissertationsschrift "Über die postmortale Erregbarkeit quergestreifter Warmblütermuskeln" zusammen, mit der er am 14. Mai 1903 bei dem Physiologen Wilhelm Biedermann (1852-1929) zum Dr. med. promovierte. Danach widmete er sich unter dem Einfluß von Ernst Haeckel weiteren naturwissenschaftlichen Studien. Mit seiner zoologisch-physiologischen Dissertation "Untersuchungen über die Endigungen der Nerven in den quergestreiften Muskeln der Anthropoden" promovierte er am 6. Juni 1905 zum Dr. phil. (zool.).
Diese zwei Jahre bei Ernst Haeckel waren für sein gesamtes weiteres Leben prägend. Hier eignete er sich seine materialistisch-humanistische Weltanschauung an, die ihn nachteilig in seinen wissenschaftlichen Arbeiten beeinflußte. Das theoretisch und methodisch exakt vorbereitete und durchgeführte Experiment als Basis der Erkenntnis, die theoretische Verallgemeinerung der experimentellen Befunde und ihre exakte Beschreibung wurden kennzeichnend für Mangolds weiteres Schaffen.
Bereits am 5. Februar 1906, am Tage seines 27. Geburtstages, habilitierte sich Ernst Mangold für das Fachgebiet Physiologie mit einer experimentellen Arbeit über die Bewegung des Hühnermagens. Diese Habilitationsschrift zeigte die komplizierten Zusammenhänge der Innervation und des Verdauungsapparates auf und hat für die Geflügelzucht heute noch richtunggebende Gültigkeit zur Aufklärung des Verdauungsvermögens und -ablaufs beim Geflügel.
Nach seiner Habilitation gehörte Ernst Mangold noch ein Dreivierteljahr als Privatdozent der Jenenser Universität an. In dieser Zeit hielt er seine Probevorlesung zur "Neurogenen und myogenen Theorie des Herzschlages" und veröffentlichte "Beiträge zur Kenntnis des Stoffwechsels bei unzureichender Ernährung", die große Resonanz in der Fachwelt fanden.
Den Winter 1906/07 benutzte Ernst Mangold zur Erweiterung seiner biologischen Kenntnisse. Er hospitierte als Stipendiat und Fondsassistent an der berühmten zoologischen Station in Neapel. Mit den Ergebnissen seiner dortigen Experimente zur Funktionsweise der Sinnesorgane von Kleintieren (z. B. Schlangensterne, Tiefseefische, Seeigel und Frösche) trat er später in rund 20 Publikationen an die Öffentlichkeit. Bereits hier zeigte sich Mangolds geniale Begabung, wissenschaftlich komplizierte Probleme und Ergebnisse in verständlicher Form darzulegen. Das unermüdliche Experimentieren, das sofortige Auswerten und Beschreiben der Ergebnisse war die Basis dafür, daß von ihm und mit seinen späteren Mitarbeitern rund 560 wissenschaftliche Veröffentlichungen erscheinen konnten.
Nach seiner Rückkehr aus Neapel nahm er am 1.April 1907 eine Tätigkeit als erster Assistent und Privatdozent am Physiologischen Institut der Universität Greifswald auf. Bis zum 30. September 1911 arbeitete er dort bei dem renommierten Physiologen Max von Bleibtreu (1861-1939). In dieser Zeit nahm Mangold seine verdauungsphysiologischen Experimente wieder auf. Er untersuchte insbesondere die motorischen Funktionen des Sphincter und antrum pylori (Nervenbahnen im Verdauungstrakt) bei verschiedenen Tierarten mit einhöhligem Magen sowie die Mundspeichelverdauung und ihre Fortsetzung im Magen und im Darm.
Mangolds verdauungsphysiologische Arbeiten wurden durch seine Übersiedlung an das Physiologische Institut der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg i. Br. am l. Oktober 1911 unterbrochen. Im Vordergrund seiner wissenschaftlichen Arbeiten standen nun Probleme der nervalen Regulierung des Herzens, der Skelettmuskeln und der Sinnesorgane. Zu dieser Problematik sind von Mangold zahlreiche Veröffentlichungen erschienen. Er publizierte u. a. Versuchsergebnisse über die Funktion der Sinnesorgane, aber auch neue Erkenntnisse über die Problematik der tierischen Hypnose und über die Technik zur Herbeiführung des Immobilitätszustandes (Schlafforschung). Auf Grund seines anatomisch-histologischen Verständnisses und mit Hilfe physikochemischer Untersuchungstechniken gelang es ihm, den Erregungsursprung und dessen Leitung im Herzen verschiedener Tierarten elektrographisch darzustellen, dem Magendruck bei Vögeln mittels eines Ballonsonde-Verfahrens zu bestimmen sowie die Totenstarre und den Härtegrad der Muskulatur mit einem eigens dafür konstruierten Sklerometer zu messen.
Die zwischen 1907 und 1914 veröffentlichten Arbeiten begründeten Mangolds wissenschaftlichen Ruf. Das fand z. B. seinen Niederschlag in der Ernennung des Dreiunddreißigjährigen zum a. o. Professor am 6. Juli 1912.
Durch die Jahre des ersten Weltkrieges wurde das fruchtbare Schaffen von Ernst Mangold unterbrochen. Der approbierte Arzt mußte als Stabsarzt der Reserve an die Front und wurde später als Chefarzt von Reservelazaretten in Schöpfheim und Baden-Baden eingesetzt.
Nach Beendigung des Krieges wirkte Mangold noch bis 1923 an der Freiburger Universität. In diesem Jahr berief die Landwirtschaftliche Hochschule Berlin ihn als ordentlichen Professor für Physiologie und als Direktor des Tierphysiologischen Instituts in seine Geburtsstadt zurück.
Der Mediziner und Physiologe Nathan Zuntz (1847-1920) hatte 1881 bis zum ersten Weltkrieg den international hohen Ruf dieses Instituts begründet und um 1907 das damals modernste tierphysiologische Institut der Welt gebaut. Als Arthur Scheunen (1879-1957) nach dem ersten Weltkrieg das Zuntzsche Erbe antrat, fand er das Institut in einem katastrophalen Zustand vor. In einem zähen Kleinkrieg mit dem Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten versuchte er, die finanziellen und materiellen Mittel zu bekommen, die für die Wiedererlangung der einstigen Weltgeltung des Instituts notwendig gewesen wären. Die allgemeine Finanzmittelnot und die Gängelei durch das Ministerium veranlaßten Scheunert, 1923 Berlin zu verlassen und dem Ruf an die Tierärztliche Hochschule Leipzig zu folgen.
Ernst Mangold entschied sich also, als er die Berufung nach Berlin annahm, für eine überaus schwierige Aufgabe. Diese Entscheidung fiel ihm um so schwerer, da er an der Freiburger Universität als erster Nichtordinarien-Vertreter Sitz und Stimme in der Medizinischen Fakultät sowie im Senat der Universität innehatte und diese gefestigte Position nun aufgeben mußte. Das Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten berief Ernst Mangold am 15. Oktober 1923 mit Wirkung vom 1. Oktober zum ordentlichen Professor. Wenige Tage darauf gab Mangold seine öffentliche Amtserklärung vor etwa 500 anwesenden Zuhörern im Hörsaal VII der Invalidenstraße 42 ab.
Ständige finanzielle, materielle und personelle Schwierigkeiten zwangen Mangold, auf die aufwendigen Arbeiten mit dem Zuntzschen Respirationsapparat für große Tiere zu verzichten. Er erweckte deshalb vielfach den Verdacht, Respirationsversuchen nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. In einem Schreiben vom Mai 1927 ist jedoch folgendes festgehalten: "Durch N. Zuntz ist im Tierphysiologischen Institut eine großzügige Apparatur für Stoffwechselversuche an größeren Tieren geschaffen worden, die in Deutschland fast völlig und in der Welt fast einzigartig dasteht und sich zur Zeit noch in größtenteils gebrauchsfähigem Zustand befindet, jedoch infolge Mangels an Personal ungenutzt brachliegt. Daher hat sich das Institut seit einer Reihe von Jahren nicht mehr an derartigen Untersuchungen beteiligen können." Mit vier bzw. ab 1936 mit drei Assistenten war es Mangold unmöglich, mit dem Respirationsapparat zu arbeiten, denn gerade nach seinem Amtsantritt nahm neben der Forschung die Ausbildung von jährlich rund 300 Studenten einen erheblichen Zeitaufwand in Anspruch.
Mangold war als Haeckel-Schüler Realist, der auch unter diesen komplizierten Bedingungen nicht auf solide wissenschaftliche Arbeit verzichtete. Er nahm zunächst seine seit der Greifswalder Zeit unterbrochenen physiologischen Untersuchungen zur Magenmotorik bei Vögeln wieder auf. Diese Arbeiten sowie die Fortführung einiger wissenschaftlicher Experimente aus der Freiburger Zeit waren ohne hohen materiellen Einsatz möglich.
Die gut eingerichteten Laboratorien für physiologische und physiologisch-chemische Untersuchungen, der Operationssaal sowie die Einrichtung für Gasanalysen und Stoffwechselversuche erlaubten es ihm, die zahlreich zuströmenden Doktoranden und ausländischen Gäste aufzunehmen, so daß das schwierige personelle Problem erleichtert wurde. Bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges promovierten 45 Doktoranden bei ihm zu grundsätzlich neuen Arbeitsthemen. So konnte z. B. der praktische Tierarzt Helmut Jaeckel 1925 mit einer experimentellen Arbeit "Über die Bedeutung der Steinchen im Hühnermagen" nachweisen, daß Hühner auch ohne Steinchen leben können. Diese Dissertationsschrift ist nur ein Beispiel für Mangolds Ideenreichtum und Kreativität. 30 angesehene ausländische Wissenschaftler waren bis 1938 jeweils für mehrere Monate Schüler von Ernst Mangold, unter ihnen die späteren Professoren A. P. Dmitrotschenko, Leningrad; M. Kleiber, Zürich; J. Krizenecky, Brno; T. Radeff, Sofia; T. Tsunoda, Kyoto; F. Usuelle, Mailand, und Frau T.Winogradowa-Fedorowa.
Stand in Jena, Greifswald und Freiburg die allgemeine und vergleichende Organphysiologie der Tiere und z. T. auch des Menschen im Mittelpunkt seiner Untersuchungen, so rückte in der Berliner Zeit allmählich die Physiologie der Ernährungsfunktionen, besonders der Verdauungsorgane sowie des Stoffwechsels der landwirtschaftlichen Nutztiere immer mehr in den Vordergrund. Besonders hervorzuheben sind die Untersuchungen über die Magen- und Darmfunktion beim Wiederkäuer und Geflügel, zum Teil auch beim Schwein. Durch diese tierexperimentellen Arbeiten konnten die grundlegenden Kenntnisse von der Verdauungsphysiologie erweitert werden. Darauf aufbauend, beantworteten weitere Experimente Fragen über die Aufenthaltsdauer des Verdauungsbreies im Verdauungstrakt oder deren Beeinflussung durch die Futterzusammensetzung. Diese Versuche zeigten bereits, daß ein ansteigender Rohfasergehalt der Futtermittel die Passage beschleunigt und somit zur Herabsetzung der Gesamtverdaulichkeit wesentlich beiträgt. Sie bestätigten andererseits den zeitlich unterschiedlichen Verdauungsgang bei Tierarten mit verschiedenem Magenapparat. Dadurch ließ sich beim Wiederkäuer die höhere Verdaulichkeit der Rohfaser, aber auch der Verlust hochwertiger Futteranteile erklären. Diese Erkenntnisse setzte Mangold in unmittelbare Beziehung zur Fütterungspraxis, indem er die ernährungsphysiologischen Grundlagen für die Eignung neuer Futtermittel erarbeitete. Experimente zur Ausnutzung der Futtermittel, ihrer Verdaulichkeit und biologischen Wertigkeit traten mehr und mehr in den Vordergrund.
Große Aufmerksamkeit schenkte Ernst Mangold auch den mikrobiellen Vorgängen bei der Verdauung. Den Anstoß dazu hatte er bereits um 1910 durch das umfangreiche Ubersichtswerk des amerikanischen Zoologen H. S. Jennings (1868-1947) "Das Verhalten der niederen Organismen" erhalten. Mangold selbst hat diese Monographie übersetzt und ihre deutsche Herausgabe 1911 veranlaßt. Zu Beginn seiner Tätigkeit in Berlin ließ er eine Reihe von Untersuchungen über den Kohlehydrat- und Eiweißstoffwechsel der Pansenbakterien durchführen. Die Ergebnisse faßte er abschließend in einer ausführlichen Übersicht über die "Bedeutung der Magen- und Darmsymbioten der Wirbeltiere" zusammen. Diese und weitere Forschungsergebnisse wurden von Mangold und seinen in- und ausländischen Mitarbeitern bis 1932 in 263 wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht.
Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde das progressive wissenschaftliche Anliegen der Berliner Landwirtschaftlichen Hochschule in ihr Gegenteil verkehrt. Auch Ernst Mangold mußte den Niedergang der Agrarwissenschaften in dieser Zeit miterleben. Weitere Kürzungen an Assistentenstellen und finanziellen Mitteln fanden statt. Zeitweilig war sogar der Bestand seines Institutes bedroht. Besonders negativ wirkte sich die Vereinigung der Landwirtschaftlichen Hochschule mit der Berliner Universität am 1. November 1934 auf Mangolds wissenschaftliche Arbeit aus. Das Institut für Tierphysiologie erhielt die Bezeichnung "Institut für Tierernährungslehre". Mangold nannte die Gründe dafür: "Dieser Name war von mir - in der mir zugetragenen Besorgnis, daß angesichts der Absicht zu Einsparungen, die den Maßnahmen der Verwaltung zur Vereinigung der Hochschule unterlegt wurden, im Rahmen der Berliner Universität das gleichzeitige Bestehen von 4 physiologischen Instituten und Ordinariaten . . . untragbar sein würde, und daß in erster Linie unser Institut für Tierphysiologie in Wegfall kommen würde, da ein solches auch bei den anderen Landwirtschaftlichen Fakultäten und Abteilungen des Reiches nicht bestand - am 16. Oktober 1934 beantragt. .." worden.
Grundlagenforschungen zur Tierphysiologie mußten damit zwangsläufig zugunsten der Ernährungs- und Fütterungslehre in den Hintergrund treten.
Die wissenschaftliche Produktivität des Mangoldschen Instituts ging bereits vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges auf weniger als die Hälfte zurück. Die Einberufung seiner Mitarbeiter brachte weitere Einschränkungen. Auch Ernst Mangold wurde noch 1942, 63jährig, als Stabsarzt der Reserve herangezogen und im Zentralarchiv für Wehrwissenschaften mit dem Sortieren von Krankenblättern beschäftigt.
Ernst Mangold hat in dieser Schreckenszeit nichts von seinem wissenschaftlichen Engagement und seiner Vitalität eingebüßt. Bereits im September 1945 setzte er sich persönlich für den Wiederaufbau des bombengeschädigten und verwaisten Instituts für Tierernährung ein, so daß ein halbes Jahr später der Lehrstuhl "Ernährungsphysiologie der Haustiere" erneut bestätigt wurde. Ende 1946 wurde mit Verdaulichkeits- und Stoffwechselversuchen, zunächst an Kaninchen, begonnen. In der Folgezeit wurden die langjährigen Stoffwechselversuche über die biologische Wertigkeit des Eiweißes im Futter sowie der physiologischen Verdauungsvorgänge bei verschiedenen Nutztieren fortgesetzt.
Ernst Mangold hat durch seine rege Publikationstätigkeit selbst dazu beigetragen, daß seine wissenschaftlichen Entdeckungen auf dem Gebiet der Tierernährungslehre eine schnelle praktische Nutzanwendung erfuhren. Sie bildeten darüber hinaus eine wesentliche Grundlage bei der Ausarbeitung eines neuen energetischen Bewertungssystems für tierische Futtermittel.
Ernst Mangold hat nicht nur als Wissenschaftler Hervorragendes geleistet, er hat auch als Hochschullehrer mehreren Generationen von Studierenden der Landwirtschaft und Veterinärmedizin die Tierernährungslehre vermittelt. Seine Vorlesungen strahlten eine große Liebe und Begeisterung für die Wissenschaft aus. Eigene Arbeitsergebnisse, Erfahrungen und persönliche Erlebnisse veranschaulichten die exakt vorgetragenen Fakten. Ernst Mangold kannte keine Vorlesungsmanuskripte. Seine enorme Gedächtnisleistung und eine gründliche Vorbereitung machten ihm das möglich. Als Vorlesungshilfsmittel nutzte er vor allem große Schautafeln und Modelle, eventuell auch einen kleinen Zettel, der Gedankenstützen enthielt.
Ernst Mangolds ungewöhnlich erfolgreiche wissenschaftliche Arbeit fand eine vielfache Anerkennung. So erhielt er z.B. bereits 1922 den "Carus-Preis für Naturforscher" und wurde 1925 zum ordentlichen Mitglied der Leopoldina-Akademie der Naturforscher in Halle gewählt. Er war Ehrendoktor verschiedener deutscher Universitäten sowie Mitglied von Akademien und wissenschaftlichen Gesellschaften im In- und Ausland. In Anerkennung seiner wissenschaftlichen und hochschulpädagogischen Tätigkeit wurden ihm hohe staatliche Auszeichnungen verliehen.
Höchste Anerkennung fand sein Wirken 1951, als er in die engere Wahl für die Kandidatur als Präsident der neu zu gründenden Akademie der Landwirtschaftswissenschaften in der DDR kam. Aus Altersgründen - er war zu diesem Zeitpunkt bereits 72 Jahre alt - konnte er diesem Vorschlag nicht nachkommen.
Mangold hatte sein ganzes Leben in den Dienst der Wissenschaft gestellt, und auch in den letzten Tagen konnte er nicht ohne Arbeit leben. Noch drei Tage vor seinem Tode am 10.Juli 1961 bearbeitete er ein Manuskript für das von ihm begründete "Archiv für Tierernährung".
Aus:
- "Von Thaer bis Mitscherlich. Kurzbiographien bedeutender Berliner
Agrarwissenschaftler". - Beiträge zur Geschichte der
Humboldt-Universität zu Berlin, Nr. 16.- Berlin 1987. S. 59-67
(überarbeitet und geringfügig gekürzt durch V. Klemm im März 2001)